Eine Performance für eine_n Zuschauer_in
13. bis 16. März 2014, PATHOS München
In HOW TO DISAPPEAR COMPLETELY verschwindet der / die Zuschauer_in selbst, um sich dann auf eine Reise hinab in die Unterwelt zu begeben. Aus persönlichen Gegenständen und kollektiven Erinnerungen, zwischen Audioperformance und Installation entsteht dort ein Raum des Verschwundenen, Vergessenen und Verdrängten, zwischen Lewis Caroll, Josef Beuys und David Lynch.
Mit HOW TO DISAPPEAR COMPLETELY setzt die Münchner Gruppe ausbau.sechs ihre performative Untersuchung von partizipatorischen Strategien fort. Bisher entstanden dabei die Performances DIE WUTPROBE (2012) und TRUTH AND DARE (2013) am PATHOS München.
Konzeption Sebastian Linz, Linda Löbel Dramaturgie Franz Xaver Mayr Sound Jan Faszbender Video Alexander Litschka Licht Tom Friedl Produktionsassistenz Johanna Winkler, Jennifer Zoll Maske Lisa Obermeyer
13. / 14. / 15. März 2014, 16.00 bis 21.30 Uhr, jeweils zur vollen und zur halben Stunde
16. März 2014, 11.00 bis 15.30 Uhr, jeweils zur vollen und zur halben Stunde
Eingeladen zu RODEO 2014. Vorstellungen am 11. Oktober 2014. Mehr Infos dazu auf der RODEO-Homepage.
Karten 10,00 EUR, Reservierung unter 0152 05 43 56 09 I Achtung: HOW TO DISAPPEAR COMPLETELY ist eine Performance für jeweils eine_n Zuschauer_in, der Treffpunkt und die genaue Uhrzeit werden bei der Reservierung vereinbart
PATHOS München, Dachauer Str. 112d, 80636 München I Tram 20, 21, Bus 53 Haltestelle Leonrodplatz
Eine Produktion von ausbau.sechs in Koproduktion mit PATHOS München. Gefördert durch das Kulturreferat der Landeshauptstadt München.
Interview (Süddeutsche Zeitung, 13. März 2014, Seite 18)
Alles verschwindet, alles bleibt
Sebastian Linz und Linda Löbel schicken in „How to disappear completely“ jeweils einen Zuschauer auf die Suche nach seinen verloren geglaubten Dingen
Die freie Theatergruppe ausbau.sechs, im Kern bestehend aus der Schauspielerin Linda Löbel und dem Regisseur Sebastian Linz, widmet sich in ihrem neuen Projekt im PATHOS [...] dem Thema Verschwinden. In „How to disappear completely“ führen sie jeweils einen Teilnehmer in die Welt seiner verschwundenen Dinge.
Wie kann man es sich leisten, Theater für nur eine Person zu machen?
Linda Löbel: Wir wollen es uns leisten. Über Eintrittsgelder generiert man nur sehr wenig.
Sebastian Linz: Die Idee ist aus unserem letzten Projekt entstanden. Bei „Truth and Dare“ ging es um eine Verhör-Situation, der Zuschauer war der Vernehmer.
Löbel: Diesmal gibt es keine Performance, nur Impulse. Der Zuschauer bleibt allein, er macht seine eigene Performance.
Wie sieht das konkret aus?
Linz: Man meldet sich an und wird am Leonrodplatz abgeholt und wird im PATHOS mit Kopfhörern durch mehrere Stationen geführt, teilweise mit verbundenen Augen.
Ihr Thema, das Verschwinden, ist ein sehr individuelles. Wie kommen Sie darauf?
Linz: Baudrillard schreibt, das alles auf der Grundlage seines Verschwindes existiert. Alles verschwindet, jeden Augenblick, milliardenfach. Aber es ist nicht wirklich weg, es wandert nur irgendwo anders hin, von wo aus hat es aber noch immer eine Wirkung auf uns hat. Das können Ideologien sein, Menschen, zu denen man keinen Kontakt mehr hat, Träume, Albträume.
Löbel: Alles ist wie in unserer Haut gespeichert, keine Begegnung ist rein und pur. Wir haben uns gefragt: was bleibt? Und wie beeinflusst es uns nachhaltig? Ich bin schon jetzt nicht mehr die, die Sie gerade noch begrüßt hat. Für mich persönlich erleichtert das, das Leben zu begreifen. Wir gehen kontinuierlich auf unser endgültiges Verschwinden zu, unseren Tod.
Linz: Deswegen die Idee, einen Raum der Verschwundenen Dinge zu bauen. Um den zu betreten aber muss der Zuschauer selber erst verschwinden, klar.
Doch die verschwundenen Dinge sind doch für jeden Teilnehmer andere?
Löbel: Das ist das Risiko, weil wir nicht abschätzen können, welche Erfahrungen der einzelne gerade macht. Das wird aber auch das Spannende.
Wie haben Sie das Projekt vorbereitet?
Linz: Wir haben Fragebögen über das Verschwinden gemacht und an Freunde und Bekannte verteilt um herauszufinden, was die Menschen mit dem Verschwinden in Verbindung bringen.
Löbel: Was ist eigentlich Verschwinden? Wenn ich etwas vermisse? Wenn ich etwas nicht mehr habe? Viele haben gesagt: Meine Hoffnung ist verschwunden. Der Glaube an die große Liebe.
Was haben Ihre Recherchen ergeben?
Linz: Die Menschen haben sehr ähnliche Dinge geschrieben. Es sind biographische Punkte aus Kindheit und Jugend. Je älter die Leute, desto schwieriger ist es für sie zu beschreiben, was zwischen 40 und 50 beispielsweise gegangen ist.
Das Theater wagt sich aber aktuell im weiter in die privaten Lebensbereiche der Menschen vor. Es arbeitet dokumentarisch, kommt in meine Wohnung und will mich allein treffen, Muss das sein um den Zuschauer noch zu berühren?
Löbel: Wir setzen uns stark mit der Frage auseinander, welche Bildsprache ist überhaupt noch möglich im digitalen Zeitalter, wo ich alle Informationen nur aus dem Computer ziehe. Ich möchte den Zuschauer mit dem Gegenteil konfrontieren. Er soll nicht leicht erfassen, sich nicht einfach zurücklehnen. Das was wir machen, ist eine Konfrontation. Ich mag kein Mitmach-Theater, aber ich fühle mich auch entmündigt, wenn ich mit einer fertigen Aussage konfrontiert werde, wie ich die Welt zu sehen habe. Ich möchte, dass das beim Zuschauer bleibt. Wir machen dem Teilnehmer ein Angebot, eine Haltung zu finden.
Das widerspricht aber dem Selbstbild vieler Künstler, die eine gewisse Deutungshoheit für sich beanspruchen.
Löbel: Es ist doch das Schönste, wenn man den anderen bei sich lassen kann und selbst bei sich bleibt. Nur so kann man sich wirklich begegnen.
Interview: Christiane Lutz